Die Flugblattsammlung Heinz Hesener

Flugblätter im Zweiten Weltkrieg

von Dr. Bernd Thier

Im April 1945 endete mit dem Einzug alliierter Truppen für Münster der Zweite Weltkrieg. Seit 1941 hatten Amerikaner und Briten bei zahlreichen Luftangriffen Tausende von Spreng- und Brandbomben über Münster abgeworfen und den größten Teil der Altstadt in Trümmer gelegt. Heute weniger bekannt ist, was die Alliierten sonst noch über Deutschland und auch über Münster verteilten. Dies ist eine ungewöhnliche Sammlung von Flugblättern des Schülers Heinz Hesener (1928–1973) aus Horstmar, die dieser als Jugendlicher in den Jahren 1940 bis 1945 in und um Horstmar, Coesfeld und Münster selbst aufgesammelt hat.

Einige sowjetische Frontflugblätter hat er offenbar von seinem älteren Bruder Anton erhalten, der an der Ostfront eingesetzt war. Der Besitz und vor allem die Weitergabe solcher Flugblätter als „Feindpropaganda“ waren streng verboten und konnten mit Gefängnis bestraft werden. Ob sich der junge Heinz Hesener der Gefahr bewusst war, ist nicht bekannt. Sicher war sein besonderes Interesse an Politik und Geschichte der Grund für seine damals brisante Sammelleidenschaft. Sein jugendliches Berufsziel war Journalist. Von 1959 bis zu seinem Tod 1973 war er aber als Lehrer an der Postschule der Oberpostdirektion in Münster tätig. Die von Heinz Hesener zusammengetragenen 89 Flugblätter zeugen von dem Versuch der Alliierten, die Bevölkerung über die Geschehnisse an den Kriegsschauplätzen und im Deutschen Reich zu informieren. Die tatsächliche Wirkung dieser Propaganda ist umstritten und wurde verächtlich im Volksmund auch „Konfetti- oder Papierkrieg“ genannt. Damals hatten die Alliierten jedoch die Hoffnung, durch Fakten die von der nationalsozialistischen Propaganda geprägte deutsche öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Flugblattpropaganda im Zweiten Weltkrieg

Über 20 Milliarden Flugblätter bzw. Flugblattzeitungen wurden während des Zweiten Weltkriegs über Europa abgeworfen. Mehrere Tausend verschiedene Ausgaben in zahlreichen Sprachen sind bekannt. Britische und später amerikanische und sowjetische Flugzeuge warfen sie zu Hundertausenden über deutschen Städten und militärischen Stellungen an der West- und der Ostfront ab. In den ersten Jahren misslang der gezielte Abwurf aus großer Höhe vielfach, oft wurden Flugblätter durch den Wind über Hunderte von Kilometern verteilt. Man experimentierte mit Ballonen und „Flugblattbomben“, die sich erst in geringer Höhe über dem Erdboden öffneten. Der Anteil der Flugblätter, die tatsächlich gefunden und aufgehoben wurden, war gering. Allerdings wurde der Inhalt dieser Exemplare oft heimlich weiterverbreitet und erreichte mitunter zahlreiche Menschen. Während die Flugblätter, die über deutschen Städten verteilt wurden, die Zivilbevölkerung informieren sollten, dienten die sogenannten Frontflugblätter dazu, Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Oft waren sie daher wie Passierscheine gestaltet. Man wies z. B. einerseits auf die großen Verluste der Wehrmacht, andererseits auf die korrekte Behandlung von Kriegsgefangenen hin. Die Flugblätter der Roten Armee aus der Sowjetunion richteten sich vor allem an deutsche Soldaten an der Ostfront, während jene der Westalliierten vor allem die Bevölkerung in den Großstädten erreichen sollten. Erst in den letzten Kriegsmonaten, als auch auf dem Gebiet des Deutschen Reiches gekämpft wurde, änderte sich der Inhalt der Flugblätter, die nun das baldige Ende des Krieges ankündigten und zur Kapitulation aufriefen. Nur wenige damals entstandene private Sammlungen haben die Zeit überdauert und haben daher eine besondere wissenschaftliche Bedeutung.

Alliierte Flugzeuge über Münster

In der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Münster regelmäßig Ziel britischer und später auch amerikanischer Bomber. Zwischen 1939 und 1945, vor allem seit 1943, als die Alliierten weitgehend die Lufthoheit über das Deutsche Reich erlangt hatten, wurden in Münster 1.128 Luftalarme ausgelöst, da sich feindliche Flugzeuge der Stadt näherten. Bei 102 Luftangriffen wurde der größte Teil der historischen Altstadt zerstört. Mindestens 1.600 Personen wurden bei diesen Angriffen getötet. Die letzte Bombardierung fand im März 1945 statt, ehe die Alliierten am 2. April in die Stadt einzogen.Der Befehlsstand der münsterischen Luftschutzleitung befand sich seit 1943 im kurz zuvor fertig gestellten Schützenhof-Bunker an der Hammer Straße/Ecke Wörthstraße. Dort waren u. a. mehrere junge Frauen als Nachrichtenhelferinnen im Luftwarndienst eingesetzt. Per Telefon erhielten sie Meldungen aus dem gesamten Deutschen Reich und den Niederlanden über alliierte Flugzeuge. Es wurden Protokollbücher geführt, in denen vermerkt wurde, welche Bomberverbände sich dem deutschen Luftraum näherten, wo diese gesichtet wurden und in welche Richtung sie flogen. Bestand die Vermutung, dass Münster ihr Ziel war, wurde vorsorglich zunächst eine Luftwarnung, später gegebenenfalls auch ein Luftalarm ausgelöst, oft mehrfach in einer Nacht.

Eines der letzten Protokollbücher, in dem jede Meldung minutengenau eingetragen wurde, hat sich in Privatbesitz erhalten. Es umfasst auf mehreren hundert Seiten Tausende von Eintragungen vom 7. Februar (ab 19.18 Uhr) bis zum 7. August 1944 (bis 22.50 Uhr). Farbig nummeriert sind die öffentlichen Luftwarnungen (öLW/blau) und die Luftalarme (Alarm/rot), die vom diensthabenden Befehlshaber der Ordnungspolizei (BdO) ausgelöst wurden.

Alliierte Flugblätter über Münster

In Münster landeten die ersten „Luftpostsendungen“ bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn. Britische Flugzeuge warfen erstmals in der Nacht vom 3. zum 4. September 1939 große Mengen Flugblätter mit einer „Warnung Großbritanniens an das deutsche Volk“ über Großstädten, vor allem in Norddeutschland, ab. Die Funde von Exemplaren dieses Flugblattes wurden von der Geheimen Staatspolizei aus Münster bereits für den 4. und 5. September nach Berlin gemeldet. Die dortigen Stellen versuchten über die Fundmeldungen  einen Überblick über die sogenannte „Feindpropaganda“ zu erlangen, um „propagandistische Gegenmaßnahmen“ ergreifen zu können. Durch diese Aufzeichnungen, die fragmentarisch erhalten sind, kann man teilweise rekonstruieren, welche Flugblätter wann über Münster abgeworfen wurden.

Bis zum März 1945 folgten zahlreiche weitere Flugschriften, ehe alliierte Soldaten in die Stadt einzogen. Für viele Blätter aus der Sammlung Hesener ist ein Nachweis des Abwurfs auch über Münster belegt. Teilweise ist durch Aufzeichnungen der Briten oder Amerikaner bekannt, an welchen Tagen wie viele Flugblätter abgeworfen wurden. Allein am 12. September 1944 gingen 1.320.000 Flugblätter über Münster nieder.Der münsterische Journalist Paulheinz Wanzen führte von 1939 bis 1946 ein Kriegstagebuch, in das er zahlreiche Flugblätter einklebte, die er von Bekannten aus Münster und dem Münsterland erhalten hatte. Oft sind dabei Fundort und Funddatum notiert. Der von der Stadt Münster mit der Erstellung einer Kriegschronik beauftragte Stadtarchivar Franz Wiemers berichtet in seinen Texten meist nur von Gerüchten über Flugblattfunde und deren angeblichen Inhalt. Teilweise stimmten diese Berichte mit den tatsächlichen Inhalten der Flugschriften nicht überein.

Münster und die Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen

Nicht in der Sammlung von Heinz Hesener vertreten sind Exemplare der alliierten Flugblätter, in denen die Bombardierung Münsters als ein Beispiel für die Erfolge der Britischen Luftstreitkräfte (RAF/Royal Air Force) erwähnt werden. So wurde bereits wenige Tage nach den ersten schweren Luftangriffen auf Münster Anfang Juli 1941 ein Flugblatt verbreitet, auf dem ein Luftbild der Stadt abgebildet ist.

Die Texte der mutigen Predigten des münsterischen Bischofs Clemens August Graf von Galen (1878–1946) gegen die Euthanasie im Juni und Juli 1941 in der Lamberti- bzw. Überwasserkirche wurden in Auszügen wenige Monate später von den Alliierten auf mehreren Flugblättern abgedruckt und über ganz Deutschland abgeworfen. Besonders wurde darauf verwiesen, dass die Geheime Staatspolizei die Verbreitung der Texte verhindern möchte. In Münster und im Münsterland kursierten trotzdem zahlreiche Abschriften der Predigttexte, die bis nach England gelangten. Da die Alliierten kein Bild des Bischofs besaßen, druckte man auf den Flugblättern das Foto eines unbekannten Priesters ab.

Auch der Inhalt eines kritischen Briefes Galens an den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers wurde bald nach der Abfassung auf englischen Flugblättern verbreitet. Es war der Versuch, die Bevölkerung mit Informationen und Tatsachen zu einem Umdenken zu bewegen.

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