70 Jahre CARE-Pakete

Schulspeisung in Münster

Mehr noch als Erwachsene litten Kinder unter dem Hunger in der Nachkriegszeit. Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg kamen auch 1945 zusätzliche Lebensmittellieferungen für Kinderspeisungen aus Ländern wie Schweden, der Schweiz oder den Vereinigten Staaten. Auch die „Religiöse Gesellschaft der Freunde“, meist Quäker genannt, beteiligte sich erneut mit umfangreichen Nahrungsmittelhilfen. In Münster war das Bewusstsein für deren Unterstützung so hoch, dass die Schulspeisung hier häufig auch Quäkerspeise genannt wurde.
Die Einführung der Kinderspeisung verzögerte sich in Münster bis zum Februar 1946. Vorher fehlte es an Räumlichkeiten für den Schulbetrieb und auch an einer Großküche. Die extra für die Massenspeisung eingerichtete Stadtküche an der Kinderhauser Straße konnte in einem Arbeitsgang 3.500 Liter Speisen kochen.

Abb. 10: Die münsterische Schulspeisung versorgte auch diese drei Kinder im Jahr 1946 mit einer warmen Mahlzeit, Foto: Stadtmuseum Münster, Carl Pohlschmidt

Abb. 10: Die münsterische Schulspeisung versorgte auch diese drei Kinder im Jahr 1946 mit einer warmen Mahlzeit, Foto: Stadtmuseum Münster, Carl Pohlschmidt

Anfangs bekamen nur Schulkinder die zusätzliche warme Mahlzeit, ab November 1946 konnten auch Kleinkinder im Alter von drei bis sechs Jahren versorgt werden. Die Eltern hatten bis 1949 einen Unkostenbeitrag zu leisten, der aber im Bedarfsfall von der Stadt Münster übernommen wurde.
Für die Schulspeisung mussten die Kinder einen Becher, Topf, Henkelmann oder ein anderes Behältnis von zu Hause mitbringen. Sie erwartete eine Suppe, ein Eintopf oder Getreidebrei. In der ersten Zeit umfasste die Mahlzeit für jedes Kind einen viertel Liter (250 Milliliter) pro Tag, ab Januar 1947 waren es drei achtel Liter (375 Milliliter). Am 1. Juni 1951 konnte die Stadt Münster die Schulspeisung einstellen. In der fünfjährigen Zeit ihres Bestehens hatte die Stadtküche insgesamt 5.287.077 Liter Kinderspeise ausgegeben.

 

Normalisierung der Ernährungslage

Das Jahr 1948 brachte für die Lebensmittelversorgung die Wende. Auch Münsteranerinnen und Münsteraner hatten Anteil an positiven wirtschaftlichen Entwicklungen im Westen Deutschlands und Europas, die mit den Schlagworten Marshall-Plan, Bizone und Währungsreform verbunden sind.
Der nach US-Außenminister John C. Marshall benannte Marshall-Plan hieß offiziell European Recovery Program und war ein Wirtschaftsprogramm, mit dem die Vereinigten Staaten den Wiederaufbau Europas förderten. Von 1948 bis 1952 vergaben die USA Kredite in Höhe von rund 14 Milliarden Dollar und stellten Lebensmittel, Waren und Rohstoffe bereit. Nach Westdeutschland flossen etwa 1,4 Milliarden Dollar, die entscheidend dazu beitrugen, die Wirtschaft wiederzubeleben.
Bei der ökonomischen Erholung half auch das gemeinsame Wirtschaftsgebiet, das die amerikanische und die britische Besatzungszone im Januar 1947 gebildet hatten. Diese Bizone vereinfachte den Handel und schuf wichtige Grundlagen für die Gründung der späteren Bundesrepublik. Im April 1949 schloss sich auch die französische Besatzungszone dem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet an, das damit zur Trizone wurde.

 

Abb. 11: Nach der Währungsreform 1948 war der weihnachtliche Gabentisch wieder etwas reicher gedeckt, Foto: Privatarchiv Gertrud Cordes

Abb. 11: Nach der Währungsreform 1948 war der weihnachtliche Gabentisch wieder etwas reicher gedeckt, Foto: Privatarchiv Gertrud Cordes

Unabdingbar war auch, dass die weitgehend wertlos gewordene alte Reichsmark durch eine neue, stabile Währung ersetzt wurde. Am Sonntag, dem 20. Juni 1948, stellten sich überall in den drei westlichen Besatzungszonen Menschen an den amtlichen Ausgabestellen an, um 40 Deutsche Mark in Empfang zu nehmen (einen Monat später gab es weitere 20 DM). Über Nacht füllten sich die Auslagen der Schaufenster und der Schwarzmarkt verschwand. Die Stadt Münster stellte später in einem Verwaltungsbericht fest: „Nach der Währungsreform verbesserte sich die Ernährungslage schlagartig.“
Die staatliche Bewirtschaftung der Lebensmittel konnte nach und nach aufgehoben werden. Zunächst wurden Milch, Käse, Süßwaren und Marmelade freigegeben, Ende 1949 folgten Getreideerzeugnisse und Fleisch, Anfang 1950 waren auch Butter, Fett und Zucker wieder frei verkäuflich.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Auts, Rainer: Opferstock und Sammelbüchse. Die Spendenkampagnen der freien Wohlfahrtspflege vom Ersten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre. Paderborn 2002.

CARE Deutschland-Luxemburg e. V.: „Es war wie Weihnachten …“ Erlebnisse mit dem CARE-Paket. Bonn 2016.

Ilgen, Volker: CARE-Paket & Co. Von der Liebesgabe zum Westpaket. Darmstadt 2008.

Schäbitz, Michael / Schollmeier, Axel: Die bitteren Jahre. Krieg, Hunger, Hoffnung. Münster in Fotos 1940 bis 1950. Münster 2005.

Schollmeier, Axel: Ende und Anfang. Münster in Fotos zwischen 1945 und 1949. Münster 2015.

Wollasch, Hans-Josef: Humanitäre Auslandshilfe für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Darstellung und Dokumentation kirchlicher und nichtkirchlicher Hilfen. Freiburg 1976.

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