Die Künstlerin Elisabet Ney

Das Künstlerinnenimage von Elisabet Ney: Münster, Heidelberg und München

Von Dr. Barbara Rommé

Elisabet Ney ist die bedeutendste Bildhauerin, wenn nicht Künstlerin im 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum. Ihre künstlerische Kraft und hohe Professionalität zeichnen sie vor vielen anderen Künstlerinnen ihrer Zeit aus. Sie hatte als begabte Frau vielen chauvinistischen Vorurteilen gegenüber weiblicher Kreativität zu begegnen. Dies ist keine theoretische Behauptung, sondern ein vielfach von ihr erlebtes Faktum.

Elisabet Ney musste zahlreiche diffamierende Verleumdungen, die negative Folgen für sie hatten, aushalten. Es wurde sogar des Öfteren behauptet, sie habe ihre Werke nicht selbst geschaffen. Außerdem konnte sie auf kein Vorbild zurückgreifen, das ihr den Lebensweg als Künstlerin zu persönlicher und wirtschaftlicher Unabhängigkeit vorgelebt hätte. Frauen, gar berufstätige Frauen, kamen jenseits des Adels in der Öffentlichkeit vor 1871 so gut wie gar nicht vor. Trotzdem findet sie einen ureigenen Weg, in dem sie ihre Kunst lebt und zum Zentrum ihres Lebens macht. An dieser Stelle kann keine abschließende Bewertung von Lebensleistungen vorgenommen werden, doch wird klar, dass Elisabet Neys Leben eine Ausnahmeerscheinung im 19. Jahrhundert ist. Dies ist umso verblüffender, da Elisabet Ney ihre Sozialisation schon im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts erhalten hat. Ihr gelingt ein eigenständiges künstlerisches und wirtschaftliches Leben – wenn auch oft nicht immer ohne Schulden.

Die Marke Elisabet Ney – ihr Künstlername

Eine Frau aus einfachen Verhältnissen – der Vater Bildhauer und die Mutter Magd – stilisiert sich auf Grundlage ihres Talentes auch mit dem Namen zu einem gesellschaftlich herausgehobenen Menschen. Dazu nutzt sie einerseits die von ihr nach außen getragene Verwandtschaft mit dem napoleonischen Marshall Ney, was sich aber bei näherem Hinsehen als Schwindelei entpuppt und sicherlich auch ihr bekannt war. Sie verzichtet bei dem doch sehr häufig in dieser Zeit vorkommenden Vornamen Elisabeth auf das h.

Elisabet Ney

Elisabet Ney, Selbstbildnis, Detail, 1903

Dies ist weder eine späte Entscheidung der Künstlerin noch eine Verschreibung, sondern wird von ihr schon zu Beginn ihrer Karriere eingesetzt. Bereits in einem Brief an Alexander von Humboldt vom 6. Dezember 1856 unterschreibt sie mit Elisabet ohne h (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung). Auch ihre Werke sind seit 1858 mit diesem vom üblichen Schreibgebrauch abweichenden Vornamen gekennzeichnet. Das erste überlieferte Werk, das ihren „erfundenen“ ausgeschriebenen Vornamen trägt, ist das Bildnismedaillon von Cosima Liszt, später verheiratete von Bülow und Wagner. Damals war Elisabet Ney erst kürzlich in den Kreis der Salonkultur um Karl Varnhagen von Ense in Berlin eingetreten. Werke, die aus dem Jahr zuvor stammen – wie die Büste von Jakob Grimm –, tragen noch nicht die von späteren Skulpturen bekannte vollständige Signatur, so dass aus der Abkürzung des Vornamens mit E. auf Neys noch nicht ausgereifte Einstellung zu ihrer Selbstinszenierung zu schließen ist.

Die Marke Elisabet Ney – ihre äußere Erscheinung

Die 1833 in Münster geborene Künstlerin Elisabet Ney hat sich von Anbeginn ihres Lebens mit Bildhauerei auseinander gesetzt. Ihr aus Lothringen gebürtiger Vater war nicht nur ein einfacher Steinmetz, sondern ein ambitionierter Bildhauer. Er war eine prägnante Erscheinung mit wildem Bart und eigenwilliger Kleidung. Seine Tochter Elisabet stilisiert gleich zu Beginn ihrer Karriere ihr Äußeres. Die damals außergewöhnliche Kurzhaarfrisur für eine Frau und die selbst entworfene Kleidung sind wichtige Kennzeichen des Künstlerimages seiner Tochter: Sie konstruiert sich zu einer auffälligen Erscheinung.

Elisabet Ney

Fritz Kriehuber, Brustbildnis Elisabet Ney

Elisabet Neys äußeres Erscheinungsbild – vor allem ihr nur schulterlanges Haar und ihre schlichte, mit antiken Elementen versehene Kleidung – ist nicht ein Produkt ihrer Kontakte zu Berliner Künstler- und Intellektuellenkreise, sondern geht auf ihr Elternhaus in Münster zurück. Der Bildhauer Vater war darin das prägende Vorbild.

 

 

 

Das erste erhaltene Bildnis der Bildhauerin im Alter von gerade einmal 20 Jahren von der Hand der Freundin Johanna Kapp (im Besitz des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Münster) zeigt Elisabet Ney schon 1853 mit kurzem Haar. Zwar trägt sie noch Korsett, doch die Schlichtheit ihrer Gewandung besticht. In München – wahrscheinlich in der privaten Kunstschule von Jean Baptiste Berdellé – werden sich die beiden jungen Frauen wohl kennengelernt haben. Das gemalte Bildnis der Münsteranerin zeigt sie nicht wie die meisten späteren Porträts mit den Attributen einer Bildhauerin – wie beispielsweise bei der 1859 entstandenen Fotografie mit der Büste von Arthur Schopenhauer zu sehen.

Elisabet Ney

Elisabet Ney mit ihrer Büste von Arthur Schopenhauer, um 1859

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Überschätzung von Neys ersten Aufenthalt in Berlin ab Dezember 1854

1852 kehrte Elisabet Ney als Neunzehnjährige ihrer Heimatstadt Münster den Rücken, die sie bis zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nur selten oder gar nicht verlassen hatte. Nach einer Volksschulbildung und einer intensiven bildhauerischen Ausbildung in der Werkstatt des Vaters, die wohl auch die Ausführung von steinernen Bildwerken einschloss, ging sie nach München.

Für die ambitionierte und talentierte Bildhauerin Ney war sicherlich der Kontakt zu intellektuellen Kreisen dringende Notwendigkeit, da ihr klassische Bildung wohl weitgehend fehlte. So werden vor allem die Besuche in Heidelberg 1853/1854, die sie auch in Kontakt mit den linksliberalen Kreisen um den Philosophieprofessor und ehemaligen Paulskirchenabgeordneten Christian Kapp brachten, von besonderer Wichtigkeit gewesen sein. Das Bildnis seiner Tochter Johanna aus dem Jahr 1853 legt neben Briefaussagen von Ney und Montgomery Zeugnis von diesen engen Beziehungen ab. Dort fand sie Akzeptanz, vor allem Anregungen und ihre Liebe zum späteren Ehemann Edmund Montgomery, der 1853/1854 in Heidelberg Medizin und Philosophie studierte. Nach Ausweis des Tagebuchs von Christian Daniel Rauch war es auch Christian Kapp, der Elisabet Ney im Dezember 1854 mit in das Atelier des Berliner Bildhauers begleitete. Die Kenntnis von Philosophie oder antiker Ikonographie waren sicherlich zu Beginn des Studiums bei Elisabet Ney so gut wie nicht vorhanden, doch belegt die Skizze einer Kassandra im Januar 1855, dass sie sich mit großem Eifer schnell auch diese Wissensgebiete erschloss.

Ihr lebenslanges Bildungsfieber kennzeichnet insbesondere Elisabet Neys europäische Zeit. Beispielhaft sei auf ihren Eifer hingewiesen, sich Wissen im Bereich Chemie anzueignen. Sie ging in München 1868 regelmäßig in die Vorlesungen von Justus von Liebig und konnte deshalb nur ab dem Nachmittag an ihren Skulpturen arbeiten.

Bildnisbüste Justus von Liebig

Bildnisbüste Justus von Liebig, Entwurf 1868

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Lernenthusiasmus wird von Elisabet Ney gelebt mit hohen Auflagen an ihr Arbeitspensum und findet künstlerischen Ausdruck beispielsweise in ihrer Geniengruppe „Sursum“. Dass Ney nicht nur ein formales Verständnis, sondern auch ein inhaltliches von der Bedeutung der antiken Figuren hat, zeigt sich insbesondere bei der nicht erhaltenen Kassandra-Skizze von 1855. Da die Herren der Berliner Kunstakademie, die über den Stipendiumsantrag Elisabet Neys zu entscheiden hatten, sich trotz der vorgestellten Statuette eines auferstandenen Christus im Dezember 1854 und trotz Empfehlung der Münchner Akademie nicht entschließen mochten, wurde eine weitere, in den Räumen der Akademie auszuführende Skizze verlangt. Als Thema wählte nun die schon in Heidelberg und München mit antiken Formen- und Sagenschatz in Kontakt gekommene junge Bildhauerin die Tochter des trojanischen Königs Priamos: Kassandra. Die Wahrsagerin kann mit ihren Warnungen kein Gehör finden: Elisabet Ney erkennt sich darin wohl selbst. Der Antrag von Elisabet Ney an König Ludwig I. (1854) in der Glyptothek nach den antiken Skulpturen zeichnen zu dürfen verdeutlicht ebenfalls, dass sich Elisabet Ney aktiv mit dem antiken Formenschatz auseinandersetzte. Der gefesselte Prometheus oder auch ihr Spätwerk Macbeth reflektieren antike Vorbilder, die sie auch in München gesehen hatte.

Ohne die in Hinsicht auf ihre Bildung extrem wichtigen Aufenthalte in München und Heidelberg und ihre dortigen Kontakte zu Intellektuellenkreisen hätte sie in Berlin nicht reüssieren können. Von der Bedeutung der Heidelberger Kreise legen auch die späteren Erwähnungen von Christian Kapp in der Korrespondenz Neys Zeugnis ab. Mit ihm scheint sie sich immer wieder über Aufträge ausgetauscht zu haben, denn sie berichtete Freunden von den Ansichten Kapps. Ihre direkte Korrespondenz hat sich nicht erhalten.

Die solide bildhauerische Ausbildung, die sie schon ins Studium mitbrachte, eröffnete ihr den Freiraum gleich zu Beginn, sich intensiv um den Erwerb anderer Kompetenzen in München und Heidelberg zu bemühen. Der Bildungsgang der jungen Elisabet Ney stellt sich demnach weit komplexer dar, als bislang vermutet.

Ihr Künstlerimage hatte sie 1858 bereits geschaffen und an diesem hielt sie ebenso wie an ihrem vorgegebenen Fräuleinimage bis an ihr Lebensende fest.


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