„Dies war mein Antlitz, während ich das Zepter als König der Wiedertäufer führte …“

Heinrich Aldegrevers Porträt des Jan van Leiden

Von Dr. Bernd Thier und Alina Rölver
Jan van Leiden – fast jeder Münsteraner weiß, wer der Mann ist und welche Rolle er in der Stadtgeschichte spielte. Aber wie sah er eigentlich aus? Das Stadtmuseum Münster besitzt eines von weltweit zwei Originalen eines authentischen Porträts.
Jan van Leiden

Jan van Leiden

Münster, 1535. In der westfälischen Stadt ist zu dieser Zeit „die Hölle los“: Die Täufer hatten Münster zuvor zu ihrem „Königreich“ ernannt, woraufhin es von den Soldaten des Bischofs belagert wurde. Innerhalb der Stadt brach dadurch eine Hungersnot aus. Als es den bischöflichen Truppen im Juni gelang, Münster zurückzuerobern, wurden die Anführer der Täufer, allen voran Jan van Leiden, zunächst in Haft genommen und einige Zeit später hingerichtet.
Der Soester Maler und Kupferstecher Heinrich Aldegrever (um 1502–1555/1561) hatte im Jahr 1535 die Gelegenheit, den „Wiedertäuferkönig“ Jan van Leiden in dessen Gefangenschaft zu zeichnen. Im Jahr darauf – van Leiden war zu dem Zeitpunkt schon hingerichtet – fertigte er nach dieser Vorlage einen Kupferstich an, nahm aber im Vergleich zu der Zeichnung zahlreiche Ergänzungen und einige Korrekturen vor.
Das Stadtmuseum Münster besitzt einen Abzug des ersten Zustands der Platte. Neben diesem ist nur noch ein weiterer Abzug in der Bibliothèque Nationale in Paris bekannt.

Der Kupferstich

Die Graphik zeigt Jan van Leiden mit Blick nach links (spiegelbildlich zur ursprünglichen Zeichnung). Darüber ist eine niederdeutsche Inschrift zu sehen, die den Namen des Dargestellten enthält und erwähnt, dass die Darstellung authentisch ist: „IOHAN VA(N) LEIDEN EY(N) KONINCK DER WEDERDOPER / THO MONSTER WA – ERHAFTICH CO(N)TER(FAIT)“.
Die Brüstung, auf die van Leiden sich stützt, erinnert von der Gestaltung her an einen Grabstein – nicht zufällig, denn Aldegrever schuf dieses Porträt zunächst als Epitaph, d.h. als Denkmal, für den bereits Hingerichteten. Er wollte damit ein Symbol der Vanitas darstellen, also die christliche Idee der Vergänglichkeit zum Ausdruck bringen, und griff dafür auf die Bildsprache römischer Grabdenkmäler zurück. Diesen Porträttypus hatte Albrecht Dürer zwischen 1519 und 1526 neu entwickelt.
An dieser Brüstung ist eine in Latein, Griechisch und Niederdeutsch abgefasste Inschriftentafel angebracht: „HAEC FACIES HIC CVLTVS ERAT CV(M) SEPTRA TENE(REM) REX αναβαπτιστων SET BREVE TE(M)PVS EGO / HENRICVS ALDEGREVER SVZATIE(NSIS) FACIEBAT / ANNO M.D.XXXVI / GOTTES MACHT IST MYN CRACHT“ (Dies war mein Antlitz, dies mein Schmuck (Gewand), während ich das Zepter als König der Wiedertäufer führte, aber freilich nur für eine kurze Zeit. Heinrich Aldegrever aus Soest schuf es im Jahre 1536. Gottes Macht ist meine Kraft).

Die Darstellung des „Königs“

Einige Objekte zeichnen den Dargestellten eindeutig als König aus. Da ist zunächst das auffällige Zepter, das in der Zeichnung noch fehlt: Es ist eine spätere Ergänzung und stimmt in der Ausführung nicht mit dem hölzernen Original, so wie es in den Quellen beschrieben wird, überein. Vermutlich wurde es aufgrund der Erwähnung in der Inschrift, die nicht unbedingt von Aldegrever selbst verfasst sein muss, hinzugefügt.
Oben links auf dem Stich ist das Wappen des Königs zu sehen, das auf der Zeichnung ebenfalls noch nicht vorhanden ist: der von zwei Schwertern durchstochene Reichsapfel unter einer Königskrone vor einer Schriftrolle. Auf ihr sind, wie auf der Rolle in der Hand des Königs, einzelne Buchstabenabfolgen des Alphabets zu erkennen – möglicherweise eine Anspielung auf des Königs selbsterteiltes Privileg, den in der Stadt neugeborenen Kindern Vornamen in alphabetischer Reihenfolge zu geben.
Bei den Münzen der Kette, die detaillierter dargestellt sind als noch auf der Zeichnung, handelt es sich um Taler der Täufer. Das sehr genau dargestellte Jagdpfeifchen ist sicherlich eine freie Hinzufügung Aldegrevers. Dieses typische Accessoire mächtiger Adeliger der damaligen Zeit steht hier als Symbol für das herrschaftliche Jagdprivileg.

Die zweite Fassung

Diese erste Fassung, die nur in zwei Exemplaren in Münster und Paris vorhanden ist, weist einige Fehler in der Inschrift auf. Sie wurde daher in einer zweiten Fassung korrigiert, wobei auch noch einige Linien nachgezogen wurden. Dabei unterlief jedoch dem Stecher ein Fehler: Bei den späteren Stichen „hängt“ das rechte Auge des Königs ein wenig.
Vom Aussehen des Jan van Leiden auf diesem korrigierten zweiten Stich ließen sich vom 16. bis 19. Jahrhundert viele Künstler inspirieren; es gab zahlreiche Nachstiche dieses Bildes. Interessant zu beobachten ist dabei, dass der König auf den Darstellungen verschiedener Künstler im Laufe der Jahre und Jahrhunderte immer älter aussieht – und das, obwohl er auf der wirklichkeitsgetreuen Abbildung Aldegrevers gerade mal 26 Jahre alt ist. Auf den späten Stichen des 17. und 18. Jahrhunderts dagegen sieht er beinahe wie ein Greis aus. Warum? In der damaligen Zeit wollte man eher einen reifen Mann als König darstellen, da man einem „Jüngling“ wie dem 26-jährigen van Leiden eine solche Rolle nicht zutraute.

Weiterführende Literatur

Barbara Rommé (Hg.): Das Königreich der Täufer. Band 1: Reformation und Herrschaft der Täufer in Münster. Münster 2000.
–          Ralf Klötzer: „Herrschaft der Täufer“, S. 104–131.
–          Bernd Thier: „Jan van Leiden als König“ (Kat. Nr. 60), S. 162–163.
–          Bernd Thier: „Jan van Leiden“ (Kat. Nr. 104), S. 234–235.
Barbara Rommé (Hg.): Das Königreich der Täufer. Band 2: Die münsterischen Täufer im Spiegel der Nachwelt. Münster 2000.
–          Bernd Thier: „‚gantz wahrhafftig abkonterfeyt’. Die münsterischen Täufer in der bildlichen Darstellung und künstlerischen Auseinandersetzung“, S. 118–133.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.