70 Jahre CARE-Pakete

Erste Hilfen aus dem Ausland

Der von Deutschland ausgegangene Krieg hatte Millionen Menschen das Leben gekostet und weite Teile Europas zerstört. Trotzdem trafen bereits wenige Monate nach Kriegsende erste Hilfslieferungen für die deutsche Bevölkerung ein. Sie kamen aus europäischen Staaten wie Schweden, der Schweiz oder dem Vatikan sowie aus vielen Ländern in Übersee.
Besonders umfangreich war die Unterstützung aus den USA: Bereits am 27. November 1945 gründeten 22 unterschiedliche Hilfsorganisationen die Gemeinschaft von Wohlfahrtsverbänden für Hilfslieferungen nach Europa, die Cooperative for American Remittances to Europe, abgekürzt CARE. Darüber hinaus schlossen sich elf große Wohlfahrtsverbände im Februar 1946 zum Council of Relief Agencies Licensed to Operate in Germany, kurz CRALOG, zusammen. Alle Nichtregierungsorganisationen brauchten die Genehmigung und aktive Unterstützung der Besatzungsmächte. Der britische Militärgouverneur ließ die Hilfen von CARE im Juni 1946 zu, kurz darauf unterzeichnete er den CRALOG-Vertrag.

Abb. 4: Zehn Militärrationen in einem Karton: So sahen die ersten CARE-Pakete aus. Foto: Stadtmuseum Münster

Abb. 4: Zehn Militärrationen in einem Karton: So sahen die ersten CARE-Pakete aus. Foto: Stadtmuseum Münster

Während CRALOG kollektive Hilfe leistete, wollte CARE es Amerikanern ermöglichen, individuelle Hilfspakete an Familie oder Freunde in Europa zu senden. Über CARE konnten Spender selbstgepackte Pakete verschicken oder fertige Lebensmittelpakete für Hilfslieferungen kaufen. Dafür hatte die Organisation zunächst dem US-Militär sogenannte Ten-in-One-Packages abgekauft. Sie enthielten zehn Rationen, sollten also zehn Soldaten für einen Tag verpflegen. Das Militär hatte fünf standardisierte Tagesmenüs entwickelt, für die Zutaten wie Büchsenfleisch, Mehl, Eipulver, Schmalz und Trockenobst benötigt wurden. Außerdem beinhalteten die Kartons zum Beispiel auch löslichen Kaffee, Schokolade, Milchpulver, Zigaretten, Kaugummis und Seife.
Mit dem Frachter American Ranger erreichten am 15. Juli 1946 die ersten 35.700 CARE-Pakete für Deutschland Bremerhaven. Diese Pakete wurden nach Berlin und in die amerikanische Besatzungszone geliefert. Ab dem 1. Oktober konnten auch in der britischen Zone, in der Münster lag, die ersten CARE-Pakete ausgegeben werden.

 

Der Fund der Pakete im Deutschen Studentenheim

Im Jahr 2006 erhielt das Stadtmuseum zahlreiche leere Hilfspakete aus der Nachkriegszeit geschenkt, die auf dem Dachboden des Deutschen Studentenheims gefunden worden waren. Wie waren die Pakete auf den Dachboden des Gebäudes im Breul 23 gekommen?

Abb. 5: Das Deutsche Studentenheim im Breul 23 heute. Foto: Stadtmuseum Münster, Robin Thier

Abb. 5: Das Deutsche Studentenheim im Breul 23 heute. Foto: Stadtmuseum Münster, Robin Thier

Das katholische Studentenheim war im Krieg nur teilweise zerstört worden, und bereits im Sommer 1945 zogen hier mehrere kirchliche Institutionen ein, darunter der Caritasverband der Diözese Münster. Der Deutsche Caritasverband gehörte zum „Zentralausschuß der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege für die Verteilung ausländischer Liebesgaben“, der sich außerdem aus Vertretern der evangelischen Diakonie, der jüdischen Wohlfahrt, des Deutschen Roten Kreuzes und der Arbeiterwohlfahrt zusammensetzte. Sie waren die offiziellen Ansprechpartner für die Hilfslieferungen aus aller Welt und mussten dafür sorgen, dass diese zuverlässig verteilt wurden.
Wer in Münster ein CARE-Paket erhalten sollte, bekam zunächst eine Benachrichtigung per Post, mit der er es dann an einer Verteilungsstelle abholen konnte. Für seine Vermittlungsdienste erhielt jeder Wohlfahrtsverband eine festgelegte Quote an Bonus-Paketen, über die er frei verfügen durfte. Mit ihrem Inhalt konnten bedürftige Einzelpersonen oder Institutionen versorgt werden. Die leeren Kartons, die auf dem Dachboden des Deutschen Studentenheims die Jahre überdauert haben, stammen aus diesem Kontingent an Bonus-Paketen.

Abb. 6: Drei verschiedene Pakettypen aus dem Fund im Deutschen Studentenheim. Foto: Stadtmuseum Münster

Abb. 6: Drei verschiedene Pakettypen aus dem Fund im Deutschen Studentenheim. Foto: Stadtmuseum Münster

Unter den Fundstücken befinden sich etliche Pakete der War Relief Services der National Catholic Welfare Conference, dem US-amerikanischen Gegenstück des deutschen Caritasverbandes. Er sandte ab April 1946 Hilfsgüter nach Deutschland und war sowohl an den Hilfen von CRALOG als auch an CARE beteiligt. Außerdem vermittelte die National Catholic Welfare Conference Spenden aus anderen Ländern nach Deutschland, etwa kostbares Fleisch aus Irland.

 

Das Prinzip CARE

Die Lebensmittelhilfen aus dem Ausland trugen dazu bei, die Not in der Nachkriegszeit zu lindern. Von der Unterstützung aus aller Welt haben sich vor allem die CARE-Pakete in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingetragen. Dies lag zum einen an der großen Zahl der Pakete. So wurden von 1946 bis 1949 über fünf Millionen Lebensmittelpakete in Deutschland ausgeliefert, bis zur Beendigung des Programms in Deutschland im Jahr 1960 sollten es rund 9,5 Millionen Hilfspakete werden.

Abb. 7: Die Postkarte aus der Nachkriegszeit zeigt einen prägenden Moment: Das „Amerikapaket“ wird geöffnet und die fremden Lebensmittel ausgepackt. Foto: Stadtmuseum Münster

Abb. 7: Die Postkarte aus der Nachkriegszeit zeigt einen prägenden Moment: Das „Amerikapaket“ wird geöffnet und die fremden Lebensmittel ausgepackt. Foto: Stadtmuseum Münster

Nachdem die von CARE aufgekauften Militärrationen im März 1947 ausgegeben waren, stellte die Organisation verschiedene eigene Lieferungen zusammen, deren Inhalte sie auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort abstimmte. Die Verpackung war ebenso praktisch wie einprägsam: ein extrem haltbarer brauner Karton mit dem gut sichtbaren Aufdruck CARE.
In den Zeiten der Not leisteten auch die leeren Kartons der Hilfslieferungen gute Dienste. Oft wurden sie jahrelang aufbewahrt und zum Beispiel als Vorratsbehälter genutzt. Eine bekannte Fotografie aus dem Bestand des Stadtmuseums zeigt, dass ein leeres CARE-Paket als Wahlurne verwendet wurde. Bei der Vorbereitung der Ausstellung „Hilfe aus aller Welt für Münster“ wurde klar, dass diese Aufnahme neu bewertet werden muss. Anders als bislang angenommen, handelt es sich dabei nicht um ein Foto von der ersten Kommunalwahl im Oktober 1946. Das Aussehen des CARE-Pakets und die Hinweis-Schilder, die im Hintergrund des Bildes zu sehen sind, weisen auf die Kommunalwahl vom 17. Oktober 1948 hin.

Abb. 8: Im Wahllokal in der Oberfinanzdirektion wird bei der Kommunalwahl am 17. Oktober 1948 ein leeres CARE-Paket als Wahlurne genutzt. Foto: Stadtmuseum Münster

Abb. 8: Im Wahllokal in der Oberfinanzdirektion wird bei der Kommunalwahl am 17. Oktober 1948 ein leeres CARE-Paket als Wahlurne genutzt. Foto: Stadtmuseum Münster

Der hohe Wiedererkennungswert der Hilfspakete nutzte auch bei der Öffentlichkeitsarbeit, mit der man um Spender warb. Hatten Amerikaner durch CARE anfangs vor allem an Verwandte und Bekannte Pakete schicken lassen, konnten Spender nach wenigen Monaten auch unbekannte Empfänger bedenken. Aufrecht erhalten blieb jedoch das Prinzip, dass die Empfänger der Pakete den Spender namentlich kennen und sich bei ihm persönlich bedanken sollten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Fokus der Hilfsorganisation auf der Bekämpfung von Hunger in Europa. Rasch weitete CARE aber seine Aktivitäten auf andere notleidende Gegenden der Welt aus, später leistete die Organisation auch Unterstützung auf Gebieten wie Landwirtschaft, Bildung oder Medizin. Seit den 1970er Jahren wurden die beteiligten Hilfsorganisationen international, der Verein CARE Deutschland gründete sich im Jahr 1980. Die Ausweitung der Hilfe spiegelt sich auch im Namen wider, heute steht die Abkürzung CARE für Cooperative for Assistance and Relief Everywhere.

Abb. 9: In den Jahren 1963 und 1995 erinnerte die Deutsche Post jeweils mit einer Briefmarke an die Lebensmittelhilfe aus den Vereinigten Staaten. Fotos: Stadtmuseum Münster

Abb. 9: In den Jahren 1963 und 1995 erinnerte die Deutsche Post jeweils mit einer Briefmarke an die Lebensmittelhilfe aus den Vereinigten Staaten. Fotos: Stadtmuseum Münster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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