Circus

Circus in Münster

von Dr. Rita Kauder-Steiniger

Der europäische Circus – ja, die Unternehmen selbst und ihre Fans schreiben Circus mit „c“ –, wie wir ihn heute kennen als Mischung aus Tierdressuren, Artistennummern und Clownerien, hat vielfältige Wurzeln.

Das „fahrende Volk“ unterhielt sein Publikum auf Messen, Jahrmärkten und Festen schon seit dem Mittelalter mit waghalsigen artistischen Künsten und Geschicklichkeitsdarbietungen. Kunst-, Schulreiterei und Pferdedressur, gepflegt in Reitakademien, gab es schon lange vor der Entstehung des Circus. Reisende Kunstreitergesellschaften erstaunten mit ihren Kunststücken die Menschen, und Pferdeballette waren Teil höfischer Unterhaltung.

Anzeige im „Westfälischen Merkur“ vom 03.07.1842, Stadtarchiv Münster

Anzeige im „Westfälischen Merkur“ vom 03.07.1842, Stadtarchiv Münster

Exotische Tiere – undressiert oder dressiert – waren in reisenden Tierschauen auf Jahrmärkten zu sehen. Die Dressuren wurden in den Käfigen vorgeführt, die dann ab 1860 auch in die Circusmanege geholt wurden. Der Hamburger Carl Hagenbeck (1844–1913) kam um 1870 auf die Idee, seiner Zootierhandlung eine Dressurschule anzugliedern, weil er dressierte Tiere teurer verkaufen konnte. Er entwickelte eine neue Dressurmethode, die nicht mehr die Tiere durch Bedrohung und Bestrafung „zahm“ machte, sondern durch geduldige Beobachtung ihrer natürlichen Fähigkeiten und durch Belohnungen die Tiere dazu brachte, die gewünschten Kunststücke vorzuführen. Um seine neuen, spielerisch wirkenden „zahmen“ Dressuren vorzuführen, gründete er 1887 einen eigenen Circus. Er erfand auch den großen, aus Einzelteilen aufgebauten Raubtierkäfig für die Circusmanege.

Anzeige im „Westfälischen Merkur“ vom 16.10.1861, Stadtarchiv Münster

Anzeige im „Westfälischen Merkur“ vom 16.10.1861, Stadtarchiv Münster

Die Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe der römischen Antike mit ihrem oft blutigen Wettkampfcharakter gehören nur insofern zu den Vorfahren des europäischen Circus, als der Name „Circus“ und die Architektur zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den römischen Amphitheatern für die Vorstellungen in der Manege mit den rundum sitzenden Zuschauern übernommen wurde.

Diese Form für seine Aufführungen zu nutzen, war die Idee des englischen Offiziers Philipp Astley (1742–1814), als er seine Reitschule 1768 in London gründete. Er erteilte nicht nur Reitunterricht, sondern führte auch Kunstreiterei vor. Bald engagierte er Seiltänzer, Akrobaten und Clowns. Die Veranstaltungen fanden zunächst unter freiem Himmel statt. 1803 baute er sein „Astley’s Amphitheater“ mit Manege und Bühne. Damit war der „Circus“ geboren.

In Deutschland entstanden die ersten großen Circusunternehmen wie Renz und Busch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin, um 1900 kamen Sarrasani und Krone hinzu. Sie inszenierten die artistischen Darbietungen und Tierdressuren als phantasievolle Ausstattungspantomimen zu historischen Themen, Heldensagen, Märchen und Opern. Auch hier wurde zunächst unter freiem Himmel, in mitreisenden provisorischen Holzkonstruktionen oder vorhandenen großen Hallen gespielt. In den Großstädten entstanden mit der Zeit feste Circusbauten. Das heute typische Circuszelt für die wandernden Unternehmen wurde erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts unter amerikanischem Einfluss allgemein üblich.

Postkarte, 1909, Stadtmuseum Münster

Postkarte, 1909, Stadtmuseum Münster

 

Auch Münster wurde seit Jahrhunderten vom „fahrenden Volk“ besucht, sowohl zum Send als auch zu anderen Zeiten. So ist z. B. in einer alten Chronik zu lesen, dass 1586 ein Seiltänzer sein Seil vom Lambertikirchturm bis zu einem Baum neben dem Domparadies spannte und darauf seine Künste zeigte. Seine Vorstellung gipfelte darin, dass er einen Jungen in eine Schubkarre setzte und diese mit dem Kind auf dem Seil vom Kirchturm bis zum Domparadies hinunter schob. Für seine spektakulären Vorführungen wurde er vom Rat der Stadt mit einer sehr großen Geldsumme belohnt.

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