Das Kiepenkerldenkmal

Das Kiepenkerldenkmal aus Münster und seine „Verwandten“

Nicht nur in Münster wurde den Kleinkrämern und Wanderhändlern ein Ehrenmal gesetzt. Andere Denkmäler für „Kiepenkerle“ oder „Tödden“ wurden, meist in den 1970er oder 1980er Jahre, u.a. in Assen (NL), Heessen, Hopsten, Kevelaer, Lienen, Lüdinghausen, Meinerzhagen, Mettingen, Osterwick, Rees, Stadtlohn, Waltrop, Willingen und Winterberg errichtet. Oft wurden die Skulpturen von lokalen Bildhauern gestaltet.

Verkaufspavillon auf dem Worringer Platz in Düsseldorf mit Kiepenkerldenkmal (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf 034-920-003, Fotograf: Julius Söhn, April 1930)

Verkaufspavillon auf dem Worringer Platz in Düsseldorf mit Kiepenkerldenkmal
(Foto: Stadtarchiv Düsseldorf 034-920-003, Fotograf: Julius Söhn, April 1930)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine lebensgroße Kopie des münsterischen Denkmals, angefertigt von dem Düsseldorfer Bildhauer Emil Jungbluth nach dem Modell von August Schmiemann, zierte seit 1930 den Uhrenturm eines großen Geschäftsrondels auf dem Worringer Platz in Düsseldorf. Die Pfeife rauchende Figur warb für die in Düsseldorf, Bremen und Hamburg ansässigen Tabakwarenhandlung Ernst Mühlensiepen. 1943 wurde das Gebäude teilweise zerstört, der Pavillon 1955 abgebrochen und die unbeschädigte Bronzefigur später auf dem Firmengelände der Tabakwarenfabrik Oldenkott in Rees am Niederrhein aufgestellt.

Der münsterische Kiepenkerl war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Warenzeichen dieser Firma. Anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums wurde die Figur 1963 im Stadtpark von Rees aufgestellt, wo sie sich bis heute befindet.

Kiepenkerl

Das Kiepenkerldenkmal von Emil Jungbluth im Stadtpark von Rees

 

 

 

 

 

 

 

Einen „Doppelgänger“ erhielt das münsterische Denkmal im Jahre 1987: Der amerikanische Künstler Jeff Koons (*1955) ließ für die „Skulptur Projekte in Münster 1987“ einen Nachguss in poliertem Edelstahl anfertigen, der drei Monate den Brunnensockel am Spiekerhof zierte. Nach seiner Vorstellung ließ die polierte Oberfläche der Skulptur die Seele entweichen. Dieses Werk befindet sich heute vor dem Joseph H. Hirshhorn Museum in Washington (USA).

Kiepenkerl

Der Kiepenkerl von Jeff Koons von 1987 (Quelle: Wipipedia)

 

 

Der Kiepenkerl in Münster und sein „Kollege“ in Düsseldorf im Bombenkrieg 1943 – kuriose Duplizität der Ereignisse

Bei der Recherche zu den „Verwandten“ des münsterischen Kiepenkerldenkmals ergab sich eine kuriose Entdeckung: Bei dem schweren Bombenangriff auf Münster am 10. Oktober 1943 wurden zwar große Teil der Stadt und besonders auch das Kiepenkerlviertel und die meisten Häuser rund um den Spiekerhof zerstört, aber inmitten der Trümmer blieb das Denkmal des Kiepenkerls unbeschädigt.

Kiepenkerl

Das Kiepenkerldenkmal nach dem Bombenangriff vom 10. Oktober 1943 (Stadtmuseum Münster)

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 3. November wurde auch Düsseldorf erneut von den Alliierten bombardiert. Zahlreiche Gebäude am früheren und heutigen Worringer Platz, der damals in Horst-Wessel-Platz umbenannt worden war, wurden zerstört, das Kiepenkerldenkmal auf dem hohen, weitgehend zerstörten Verkaufspavillon mitten auf dem Platz blieb jedoch ebenfalls unbeschädigt.

KiVerkaufspavillon auf dem Worringer Platz in Düsseldorf mit Kiepenkerldenkmal nach dem schweren Bombenangriff vom 3. November 1943 (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf 127-377-001, Fotograf: Dolf Siebert)

Verkaufspavillon auf dem Worringer Platz in Düsseldorf mit Kiepenkerldenkmal nach dem schweren Bombenangriff vom 3. November 1943 (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf 127-377-001, Fotograf: Dolf Siebert)

Auf seiner hohen Warte thronte er bis 1955, als die Überreste das Kiosk abgebrochen wurden. Anders als der Kiepenkerl aus Münster „überlebte“ sein Kollege daher den Zweiten Weltkrieg.

 

Das Kiepenkerldenkmal – Typisch für Münster?!

Der Kiepenkerl und mit ihm seine beiden Denkmäler sind im Laufe der Zeit zum Markenzeichen der Stadt Münster geworden. Abbildungen des Denkmals von August Schmiemann von 1896 bzw. der neuen Ausführung von 1953 zieren seit etwa 1900 bis heute unzählige Souvenirs aus Münster.

Souvenirs

Kiepenkerl-Souvenirs
(Stadtmuseum Münster und Privatbesitz)

Souvenirs

Kiepenkerl-Souvenirs und Werbeartikel bzw. Warenverpackungen mit dem Kiepenkerl
(Stadtmuseum Münster und Privatbesitz)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleine und kleinste Ausführungen sind aus Holz, Zinn, Gips, Kunststoff oder sogar Silber erhältlich. Die Gipsgießerei Pietro Mazzotti, die Bildhauer Albert Mazzotti sen. und Albert Mazzotti jun. fertigten zahlreiche Kopien in Gips und Kunststoff in unterschiedlichen Größen. August Schmiemann erhielt Jahrzehnte lang Lizenzgebühren von der Tabakfirma Oldenkott in Rees, die sein Denkmal als Warenzeichen nutzte. Auch die Germania Brauerei in Münster hatte sich schon 1924 das Kiepenkerldenkmal als Warenzeichen eintragen lassen und bis in die 1960er Jahre geführt. Das Denkmal stand direkt vor dem Stammhaus der Familie Dinninghoff, den Eigentümern der Brauerei, in dem die Gaststätte „Kiepenkerl“ eingerichtet war.

Das Denkmal erscheint außerdem auf Postkarten, Medaillen, Plaketten, Stocknägeln, Karnevalsorden, Schlüsselanhängern und sogar auf Einkaufswagenchips. Bis in die frühen 1990er Jahre war das Denkmal und mit ihm die fast zu einer reinen „Brauchtumsfigur“ verkommenen Gestalt des Kiepenkerls eines der wichtigsten Elemente der Fremdenverkehrswerbung für Münster und das Münsterland.

Seit etwa 1993 ist der Kiepenkerl nicht mehr im offiziellen Werbemarketing der Stadt verankert. Die Popularität des markanten Denkmals ist jedoch bis heute ungebrochen.

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Backmann, Uli: „Denkmäler für Kiepenkerle“ In: Uli Backmann, Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen. Haltern 1998, S. 159–171.
Boer, Hans-Peter: „Der Kiepenkerl – eine Traditionsfigur des Münsterlandes?“ In: Uli Backmann, Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen. Haltern 1998, S. 133–139.
Gernert, Wolfgang: „Kiepenkerle und Tödden in Westfalen“ In: Jan Dümmelkamp: Der Kiepenkerl von Heessen und andere westfälische Kiepenkerle. Hamm, Heimatverein Hamm-Heessen, 2010, S. 34–46.
Gernert, Wolfgang: „Der vergessene Bildhauer August Schmiemann (1846–1927)“ In: Westfalen 89, 2011, Münster (2012), S. 273–300.
Hagedorn, Marc: „Kiepenkerl-Künstler August Schmiemann: Seine Werke sind stadtbekannt“ In: Uli Backmann, Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen. Haltern, 1998. S. 148–151.
Sauermann, Dietmar: „Münster und der Kiepenkerl: Eine problematische Erfindung“ In: Münster Jahrbuch 1. Münster 1993, S. 40–45.
Sauermann, Dietmar: „Der Kiepenkerl – eine problematische Erfindung“ In: Uli Backmann, Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen. Haltern 1998, S: 124–132.
Schäfers, Gottfried: „Der Kiepenkerl  – Sendbote zwischen Stadt und Land“ In: Münsters Originale: Die sich selbst ein Denkmal setzten. Münster 1982, S. 62–75.
Spickenheuer, Anne und Eva: „Der Kiepenkerl in Münster: Was ein Denkmal alles bewirken kann“ In: Denkmäler in Münster: Auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit. Eigenverlage Schriftproben Wilhelm-Hittorf-Gymnasium, Münster 1996, S, 135–170.
Spickenheuer, Anne und Eva: „Der Kiepenkerl als Forschungsthema“ In: Uli Backmann, Wi staoht fast! Kiepenkerle in Westfalen. Haltern 1998, S, 141–147.
Stadtmuseum Münster: „Typisch Münster: Das Kiepenkerl-Image“ In: Denk ich an Münster… Von Souvenirs und dem Image der Stadt. Münster, Stadtmuseum Münster, Münster 2002, S, 39–42.

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