Fotorecherche

Der Fotograf

Ich nehme mir also zuerst das Einwohnerbuch von 1934/1935 vor. Dort gibt es nicht nur, wie man das von heutigen Telefonbüchern kennt, ein Namensverzeichnis, sondern auch ein Straßenverzeichnis. Man kann nach einer bestimmten Straße und Hausnummer suchen, unter der dann alle Bewohner des Hauses aufgelistet sind. Datenschutz wurde damals offenbar nicht so groß geschrieben.

Unter Steinfurter Straße 172 finde ich unter anderem den Eintrag Wisnewski, Walter, Photograph – Volltreffer! Das Foto ist also tatsächlich zumindest in Münster entwickelt worden. Jetzt, da ich auch den Namen des Fotografen kenne, durchsuche ich alle Adressbücher vor und nach 1934/1935 nach Walter Wisnewski, um noch mehr über ihn herauszufinden – und werde fündig:

Der Fotograf Walter Wisnewski (die Schreibweise seines Namens ist nicht einheitlich) wird 1927 zum ersten Mal erwähnt, damals wohnte er noch an der Steinfurter Straße 132. Etwa Ende der 1920er oder Anfang der 1930er Jahre zog er in das Haus Nummer 172, dort wohnte er bis mindestens 1935. Ab etwa 1939 wird er dann in der Steinfurter Straße 43 erwähnt. Um 1965/1966 zog er sich offenbar von seinem Beruf zurück, denn ab da ist er in den Adressbüchern nicht mehr als Fotograf, sondern als Rentner vermerkt. Er wohnte aber noch weiterhin im Haus Nummer 43 und starb vermutlich um 1974, denn ab jenem Jahr ist nur noch Helene Wisnewski, vermutlich seine Frau, vermerkt. Sie zog 1988 in die Raesfeldstraße 80/82 im Kreuzviertel und starb wahrscheinlich 1991.

Der Zeitpunkt

Ich bin erstaunt und begeistert, was man alles anhand von einigen Fotos und alten Adressbüchern herausfinden kann! Durch diese neuen Informationen ist das Entstehungsdatum des Fotos schon ziemlich eng eingegrenzt: Es kann nicht vor April 1935 gemacht worden sein, da es Mitglieder der Wehrmacht zeigt, und nicht nach 1938, da sich die angegebene Adresse des Fotografen spätestens 1939 geändert hatte.

Der Ort

Aber wo spielt sich die Szene ab? Die Tatsache, dass der Fotograf aus Münster kam, muss nicht unbedingt bedeuten, dass die Fotos auch in Münster entstanden sind. Der Fotograf könnte die Aufnahmen ja auch an einem anderen Ort gemacht haben. Ich schaue mir deshalb die Bilder noch mal ganz genau mit einer starken Lupe an und entdecke auf einem von ihnen im Hintergrund einen Schriftzug an einer Hauswand, den man mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Ich vergrößere diesen Ausschnitt des Fotos und kann Anton Effi… Werkstatt oder Werkstätten entziffern.

Schild

Schild

Also nehme ich noch mal das Einwohnerbuch von 1934/1935 zur Hand und schlage unter Effi… nach – wieder ein Volltreffer! Effing, Anton, Möbeltischlerei, Warendorfer Straße 131 steht dort.

Ich vergleiche dies noch einmal mit dem Bild – der Name Effing passt zum Schriftzug, auch wenn man die letzten Buchstaben nicht ganz genau erkennen kann.

Ich wälze noch mal alle Adressbücher vor und nach 1934/1935 und kann auch über diesen Menschen viel in Erfahrung bringen: Der Schreiner Anton Effing wird schon ab 1914 erwähnt und hatte bis ca. Ende der 1920er Jahre eine Tischlerei in der Beckhoffstraße 11. Spätestens ab 1934/1935 ist er mit seiner Möbeltischlerei dann in der Warendorfer Straße 131 tätig, dort ist schon zwei Jahre früher ein gewisser Hermann Effing als Schreiner eingetragen – vielleicht sein Vater? Anton Effings Werkstatt blieb an dieser Adresse bis mindestens 1950. Ungefähr 1953 zog er mit seiner Werkstatt dann in die Mühlenstraße 12, in der Nähe der Aegidiistraße. Ende der 1970er Jahre setzte Anton Effing sich zur Ruhe, seine Tischlerei bestand aber noch mindestens bis 2002, vielleicht von einem Sohn in seinem Namen weitergeführt.

Nun steht also auch der exakte Ort des Geschehens fest – im fraglichen Zeitraum von 1935 bis 1938 befand sich die Werkstatt Anton Effings eindeutig an der Warendorfer Straße 131. Die Fotos zeigen den Trauermarsch, wie er gerade dort vorbeizieht. Ich kann auch feststellen, dass sich die Soldaten stadteinwärts bewegen, denn Effings Werkstatt, die ja eine ungerade Hausnummer hat, befindet sich zu ihrer Rechten. Ich schaue auf den Stadtplan – die Warendorfer Straße 131 befindet sich genau auf Höhe des Mauritz-Friedhofs, der das Ziel des Trauerzugs gewesen sein könnte.

Stadtplan 1935

Stadtplan 1935

Jetzt kennen wir die Hintergründe des Fotos – wir wissen, wo, wann und durch wen es entstanden ist. Aber wer ist der Tote? Was hatte er für eine Funktion, dass ihm zu Ehren ein so großer Trauerzug veranstaltet wurde? Es muss ziemlich wichtig gewesen sein, warum hätte sich sonst ein Berufsfotograf von der Steinfurter Straße quer durch die Stadt auf den Weg gemacht, um an der Warendorfer Straße Fotos des Trauerzugs zu machen? Er wollte sicherlich später Abzüge davon verkaufen. Die vier Fotos vom Trödler stammen von einer Haushaltsauflösung aus einem Nachlass einer Privatperson aus Münster, deren Vorfahren sie in den 1930er Jahren erworben haben.

Um das herauszufinden, schaue ich mir die Uniformen genauer an, besonders die der hochdekorierten Offiziere aus dem hinteren Teil des Zugs. Leider kann ich auch mit einem vergrößerten Ausschnitt nicht viel erkennen, nur hell/dunkel und vage Formen. Ich versuche trotzdem, dazu im Internet zu recherchieren, denn dort kann man Erklärungen zu vielen Effekten, also den Abzeichen auf den Uniformen der Wehrmacht, finden.

Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Uniformen_der_Wehrmacht

Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Dienstgrade_der_Wehrmacht

Leider sind „meine“ Fotos zu unscharf, die Suche nach den genauen Rängen der Uniformen bleibt erfolglos. Es ist auch fraglich, ob man darüber mehr über den Verstorbenen herausfinden kann. Ich bin aber trotzdem überrascht, wie viele detaillierte Angaben man zu kleinen Teilen von Uniformen und Abzeichen der Wehrmacht im Internet finden kann. Für Historiker ergeben sich damit viele Möglichkeiten z.B. Fotos aus der Zeit des Dritten Reiches detailliert zu analysieren.

Und der Tote im Sarg?

Welche Funktion der Verstorben hatte oder wie er hieß, kann man anhand der Fotos allein also leider nicht herausfinden. Dazu müsste man mit etwas mehr Zeit in die Zeitungen der fraglichen Jahre schauen, um vielleicht einen Nachruf oder einen Artikel über den Trauerzug zu finden.

Detail Kutsche mit Sarg

Detail Kranz

Das einzige, was ich über den Toten weiß, ist, dass er wahrscheinlich ein Soldat war, vermutlich einen sehr hohen militärischen Rang bekleidete und eventuell der Luftwaffe angehörte, denn das kann man auf der Schleife des ersten Kranzes entziffern, und dass er vielleicht auf dem Mauritz-Friedhof begraben wurde.

Da er zwischen 1935 und 1938 bestattet wurde, kann er nicht im Krieg gefallen sein. Der „Fall“ ist also noch nicht gelöst, aber die „Eckdaten“ stehen fest. Mit den ermittelten Angaben lassen sich die Fotos nun erst für die Sammlung des Stadtmuseums inventarisieren. Alles andere bleibt weiteren Forschungen überlassen.

Während der spannenden Recherche habe ich außerdem Walter Wisnewski und Anton Effing „kennengelernt“ und ein wenig über ihre Lebensgeschichte erfahren – das alles nur anhand von vier alten Fotos!


Kommentare

Fotorecherche — 2 Kommentare

  1. Vielleicht kann es sich um das Staatsbegräbnis von Karl von einem handeln.
    Folgendes ist bei Wikipeda zu lesen

    Späte Jahre und Tod[Bearbeiten]

    Nach dem Krieg schrieb Einem unter anderem seine Memoiren und ein Buch über die preußische Armee. Im Oktober 1931 nahm er an der Gründungsversammlung der Harzburger Front teil.[6] Von 1933 bis 1934 war er Vorsitzender (sogenannter „1. Bundesführer“) des Bundes der Aufrechten. Zuletzt lebte Einem in Mülheim an der Ruhr, wo er auch am 7. April 1934 um 4 Uhr morgens im Alter von 81 Jahren verstarb.

    Grab Karl von Einems auf dem Zentralfriedhof Münster
    Zum Staatsbegräbnis am 11. April 1934 entsandte Wilhelm II. aus dem Exil in den Niederlanden seinen Sohn Oskar. Anwesend war auch der frühere Generaladjutant des Kaisers, Karl von Plettenberg, der das ehemalige Königlich-Preußische Gardekorps vertrat. Der greise Generalfeldmarschall von Mackensen (1849–1945) nahm persönlich teil. Reichspräsident Paul von Hindenburg schickte einen Kranz. Bestattet wurde er in Münster auf dem Zentralfriedhof (evangelisches Feld West I).

  2. Hallo,
    vielen Dank für den Hinweis! An das Begräbniss haben wir natürlich auch zuerst gedacht. Leider passen die Aufnahmen aber überhaupt nicht dazu, denn von Einem wurde in einem Sarg auf der Lafette einer Kanonen zum Grab gefahren, nicht in einem „normalen“ Leichenwagen. Von dem Begräbnis 1934 gibt es zahlreiche Aufnahmen, keine passt auch bei den beteiligten Trauergästen.

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