Das Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I.

Ein herrschaftliches Denkmal auf dem Schlossplatz in Münster

von Regine Schiel

Bis 1942 stand nur wenige Meter vom Portal des Schlosses entfernt auf der Mittelachse ein monumentales bronzenes Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (reg. 1861–1888). Es ist ein typisches Beispiel für die Denkmaltradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Von seinem Sockel vor dem münsterischen Schloss blickte Kaiser Wilhelm I. auf die Hauptstadt seiner preußischen Provinz Westfalen, Postkarte um 1935.

Im Zuge der deutsch-nationalen Euphorie dieser Epoche – ausgelöst durch den Sieg gegen Frankreich und der anschließenden Gründung des Deutschen Reiches 1871 – wurden an vielen Orten Kaiser Wilhelm-Denkmale errichtet. Viele zeigten ihn als den siegreichen Einiger Deutschlands, so auch in Münster. Hier trug er hoch zu Ross eine Kürassieruniform mit offenem Mantel, dazu einen Helm mit Federbusch und einen Feldherrenstab in der rechten Hand. Der Sockel bestand aus einem Steinquader, der mit einer Girlande umlegt und kleinen behelmten Löwenköpfen verziert war. Vorne befand sich ein gekrönter Adler mit angelegten Schwingen, der sich über ein Wappen beugte. Die Spruchbänder trugen die Inschrift Wilhelm dem Großen / das treue Münsterland. Umgeben war der Sockel schließlich mit einer schlichten Umrandung aus vier Steinkugeln, die mit Gliederketten verbunden waren. Von seinem Podest blickte der Kaiser in Richtung Schlossallee. Für die Gestaltung der dazugehörigen Gartenanlage wurden 53 Ulmen gefällt. Seinen Ausblick auf die Stadt beschreibt eine zeitgenössische Quelle so: Vor ihm liegt ein weites Gartenparterre mit grünen heckenumsäumten Rasenflächen, statuengeschmückten Nischen und Blumenbosquets, das dann in eine von mächtigen Bäumen bestandene Allee mündet, die zum Paradefelde führt. Mit dem Paradefeld war der damalige Neuplatz gemeint, der sich jenseits der beiden Kavaliershäuschen erstreckte, die den eigentlichen Schlossplatz begrenzten. Seit 2012 tragen beide Plätze den Namen Schlossplatz.

 

Entworfen von Bruno Schmitz und Johann Friedrich Reusch

Das Reiterstandbild auf einer Postkarte um 1900.

Der Entwurf der Gesamtanlage stammte von dem international anerkannten Architekten Bruno Schmitz (1858–1916), der besonders mit dem Kyffhäuserdenkmal (1890) berühmt wurde und weitere Kaiser Wilhelm-Denkmale entwarf, unter anderem das an der Porta-Westfalica (1892) und am Deutschen Eck in Koblenz (1894). Zur Zeit des Auftrags lehrte er an der Technischen Hochschule in Dresden. An Modell und Ausführung der Reiterskulptur arbeitete der Bildhauer Johann Friedrich Reusch (1843–1906), der seit 1881 an der Kunstakademie in Königsberg lehrte und später ihr Direktor wurde. Bekannt wurde er etwa durch das Kriegerdenkmal (1877) für seine Heimatstadt Siegen und die bronzene Plastik „Dämon des Dampfes“ (1880), die an der Technischen Hochschule in Charlottenburg aufgestellt wurde. Auch er gestaltete mehrere Kaiser Wilhelm-Denkmale, nämlich in Siegen (1892) und Königsberg (1894), später auch in Duisburg (1898). Finanziert wurde das Standbild in Münster durch öffentliche Spenden, die großzügig gegeben wurden.

 

Ein Denkmal im Zentrum Westfalens

Huldigung des späteren deutschen Kaisers Wilhelm I. vor dem Schloss anlässlich der Feier zum 50-jährigen Jubiläum der Vereinigung Westfalens mit Preußen am 18. Oktober 1865, Holzstich.

Die Frage nach dem Standort des Denkmals war in der 1895 gegründeten Kommission schnell geklärt: Das monumentale Reiterstandbild konnte seinen Platz nur vor dem Schloss erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts war Münster als Hauptstadt der preußischen Provinz Westfalen auch sein administrativer Mittelpunkt. Das Schloss war Wohnsitz des Oberpräsidenten Westfalens und des kommandierenden Generals. Es verkörperte deshalb sowohl die Landeshoheit des preußischen Königs als auch das preußische Militär. Zusammen mit seinem Vorplatz stellte es das Zentrum des öffentlichen Lebens in Münster und Westfalen dar. Dort hatte Wilhelm I. als preußischer König 1865 anlässlich der Feierlichkeiten zur 50-jährigen Vereinigung der Provinz Westfalen mit dem Königreich Preußen die Huldigungen seiner westfälischen Untertanen entgegengenommen. Der Schlossplatz war somit auch eine symbolische Verbindung zur Person des Kaisers selbst. Glaubt man dieser zeitgenössischen Darstellung, dann stand 1865 die Tribüne für den Kaiser nahezu an derselben Stelle, an der auch das Denkmal errichtet wurde. Ein idealer Standort also für ein westfälisches Wahrzeichen der Vaterlandsliebe, das die Heldengestalt des großen Einigers Deutschlands […] der Gegenwart und den kommenden Geschlechtern als Zeichen der Dankbarkeit eines treuen Volkes erhalten sollte, wie es der preußische Oberpräsident Heinrich Konrad Studt (1831 – 1921) in seiner Ansprache zur Grundsteinlegung formulierte.

 

Grundsteinlegung und Enthüllung

Postkarte zur Einweihung des Kaiser Wilhelm-Denkmals am 27. Oktober 1897.

Die Errichtung des Denkmals wurde groß inszeniert. Bereits die Grundsteinlegung war eingebettet in die dreitägigen Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Wilhelms I. Am 21. März 1897 marschierte ein Festumzug sämtlicher Vereine Münsters mit der Denkmalskommission, Musikkapellen und Bannern vom Servatiiplatz zum Schlossplatz und nahm bei den Tribünen mit den wichtigsten Vertretern der Zivil- und Militärbehörden rechts und links des Denkmalplatzes Aufstellung. Der westfälische Oberpräsident Studt begann die Grundsteinlegung mit einer Rede, der die Verlesung der Grundsteinurkunde folgte. Die Urkunde wurde zusammen mit Zeitungsausgaben des Tages im Stein versenkt. Mit jeweils drei Hammerschlägen, die vom Oberpräsidenten Studt, dem Oberbürgermeister Dr. Karl Windthorst (1836–1900) sowie weiteren Vertretern des Militärs und ziviler Behörden ausgeführt wurden, wurde der Stein verschlossen. Ein Hoch auf den Kaiser und das Absingen der Nationalhymne „Heil dir im Siegerkranz“ beendeten die Grundsteinlegung.

Die Enthüllung des Denkmals fand noch im gleichen Jahr am 27. Oktober im Beisein des Prinzen Leopold von Preußen (1835–1905) als Vertreter von Kaiser Wilhelm II. statt, der das Denkmal genehmigt hatte. Um 11 Uhr morgens begann auf dem Schlossplatz die feierliche Zeremonie, bei der auch die beiden Künstler Reusch und Schmitz anwesend waren. Der gesamte Schlossplatz war bis auf die Schlossallee hinaus mit Tribünen umgeben. Vorab wurden Platzkarten für die Teilnehmer verteilt. Honoratioren, Kriegervereine, Sportvereine, Studenten und „Dreizehner“ – so nannte man die Soldaten des in Münster gelegenen Infanterie-Regiments Nr. 13 – erhielten hier ihren Platz. Auf dem Neuplatz nördlich des Schlosses nahm die Garnison Aufstellung zur abschließenden Truppenparade. Als Höhepunkt der Veranstaltung wurde das Denkmal auf Befehl des Prinzen unter Hochrufen auf Wilhelm I. enthüllt.

 

Das Ende des Denkmals

Luftbild des Schlossplatzes mit dem Kaiser Wilhelm-Denkmal, Postkarte 1920er Jahre

Der Wunsch des Oberpräsidenten Studt, das Denkmal kommenden Generationen zu erhalten, sollte nicht erfüllt werden. In der Zeit des Nationalsozialismus suchte die NSDAP den Platz für ihre eigenen propagandistischen Zwecke zu nutzen, etwa für Aufmärsche und Versammlungen. Ab 1936 gab es Pläne zur Verschönerung von Schloss- und Hindenburgplatz, wie der Neuplatz seit 1927 hieß. Der Platz vor dem Schloss sollte eine mächtigere Umfriedung und eine herrschaftliche Gartenanlage erhalten, um das Gebäude mehr zur Geltung zu bringen. Nun war das Reiterstandbild im Weg. Es verdeckte den Blick auf das Schloss. Verschrotten wollte man es aber noch nicht. Ein neuer Standort konnte über die Jahre allerdings nicht gefunden werden. Schließlich gab am 4. August 1942 der Gauleiter und Oberpräsident der Provinz Westfalen-Nord Dr. Alfred Meyer (1891–1945) die Anordnung, das Denkmal abzubrechen und der Kriegs-Metall-Reserve zuzuführen. Schon am 22. August präsentierte sich den Münsteranerinnen und Münsteranern auf ihrem Sonntagspaziergang vor dem Schloss nur noch ein leerer Sockel.

Mit dem Abriss des Denkmals und wahrscheinlich endgültig mit der Zerstörung des Schlosses verlor auch die Platzanlage vor dem Schloss im Bewusstsein der Menschen immer mehr ihre Bedeutung als zentraler Repräsentationsort, der sie für die preußische Landeshoheit in der Provinz Westfalen gewesen war.

Der Geschichte des Schlossplatzes, zu der auch das Denkmal Wilhelms I. gehört, widmet das Stadtmuseum bis zum 24. Februar 2013 eine eigene Ausstellung unter dem Titel „350 Jahre viel Platz! Schlossplatz – Hindenburgplatz – Neuplatz“. Hier gibt es nähere Details zur Ausstellung:

http://www.muenster.de/stadt/museum/sonderausstellungen_schlossplatz.html

 

Weiterführende Literatur:
Gertrud Beisenkötter, Das Schloss zu Münster. Sein Schicksal im Wandel der Zeiten. Münster 1952.
Ursula Blanchebarbe, Professor Dr. Johann Friedrich Reusch 1843–1906, in: Siegener Beiträge, Jahrbuch für regionale Geschichte 11, 2006, S. 89–108.
Helmut Ebert, Lexikon der bildenden und gestaltenden Künstlerinnen und Künstler in Westfalen-Lippe. Münster 2001
Babette Lissner (Hg.), Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal 1896-1996. Öffentlichkeit und Politik zwischen Tradition und Moderne. Bielefeld 1998.
Gunther Mai, Das Kyffhäuser-Denkmal 1896–1996. Ein nationales Monument im europäischen Kontext. Köln 1997.
Kerstin Menke, Das „kollektive Gedächtnis“ der Stadt Münster seit dem 19. Jahrhundert – Gedächtnisorte und Praktiken, Magisterarbeit der WWU Münster 1995. (unveröffentlicht)
Jürg Meyer zur Capellen u.a., Kunstraum Universität. Kunst an der Universität Münster. Münster 2002.
Schlossplatz – Hindenburgplatz – Neuplatz in Münster. 350 Jahre viel Platz, Münster 2012 (= 11. Arbeitsheft der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen)
Hans Vollmer (Hg.), Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Band 30. Leipzig 1936.
 
Benutzte Quellen:
Die bearbeiteten Quellen zur Errichtung und Abbruch des Denkmals sowie der dazugehörigen Feierlichkeiten sind im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Münster und im Stadtarchiv Münster vorhanden. Außerdem wurden folgende Quellen herangezogen:
−        Adresskalender der Stadt Münster 1898.
−        Münsterischer Anzeiger, 2. Ausgabe vom 27.10.2012.
−        Die Kaiser Wilhelm Gedenkfeier, in: Der Westfale, Nr. 78 vom 22.03.1897.

 


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